Zurück ins Jetzt – Regulation, wenn die Vergangenheit im Nervensystem rebelliert

Es gibt diese Momente, in denen wir plötzlich ganz anders reagieren, als wir es wollen: Das Herz schlägt schneller, der Hals wird eng, wir ziehen uns zurück, explodieren oder funktionieren einfach nur noch. Ein Wort, ein Blick, diese Spannung im Raum – und etwas in uns ist sofort in Alarmbereitschaft. Auch wenn wir wissen: Hier und jetzt ist keine echte Gefahr.

Der Körper jedoch erinnert sich. Die Vergangenheit rebelliert im Nervensystem.

Unsere frühen Erfahrungen, besonders die, in denen wir uns allein, überfordert oder nicht sicher gefühlt haben, hinterlassen Spuren. Sie prägen nicht nur unsere Gedanken über uns selbst („Ich genüge nicht“, „Ich darf nicht zur Last fallen“), sondern auch unsere physiologischen Reaktionsmuster.

Wenn ein altes Schema getriggert wird, übernimmt das Nervensystem das Kommando. Es greift auf das zurück, was früher überlebenswichtig war:

Flucht. Angriff. Erstarrung. Anpassung.

Das ist keine Überreaktion und keine Schwäche – es ist ein kluges System, das uns schützen will. Nur erkennt es oft nicht, dass wir heute erwachsen sind und die Situation nicht mehr dieselbe ist wie früher – und dass es auch keine Säbelzahntiger mehr gibt.

Viele meiner Klient*innen sagen: „Ich weiß doch, dass ich jetzt sicher bin. Warum fühlt es sich nicht so an?“

Weil Sicherheit nicht durch Denken entsteht, sondern durch Erleben. Unser Nervensystem braucht mehr als Einsicht, es braucht neue Erfahrungen von Regulation, Verbindung und innerer Beruhigung. Erst dann kann es langsam loslassen.

Diese Rückkehr ins Jetzt ist nichts Lautes, nichts Dramatisches. Oft ist sie leise. Körperlich. Fein. Kleine Gesten von Präsenz.

Was helfen kann:

  • Den Boden unter den Füßen wahrnehmen
  • Länger ausatmen als einatmen
  • Schultern senken, Kiefer lockern
  • Mit jemandem sprechen, der bleibt und zuhört
  • Sich innerlich zuwenden: „Ich bemerke, dass etwas in mir Angst hat.“

Du kannst es jetzt direkt ausprobieren:

  1. Füße spüren
  2. Langsames Atmen
  3. Eine Hand auf die Brust oder den Bauch
  4. Einen inneren Satz finden, der Sicherheit vermittelt:
    „Jetzt ist ein anderer Moment.“
    „Ich bin erwachsen und sorge gut für mich.“
    „Ich darf mich ausruhen.“

Vom Überlebensmodus ins Leben zu finden bedeutet nicht, nie mehr getriggert zu sein. Es bedeutet, früher zu bemerken, was passiert und sich die Wahlfreiheit zu erschließen etwas anders zu machen. In Verbindung mit sich selbst und mit dem, was gerade wirklich ist.

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