Jenseits der Vorsätze vs. „The Great Lock-In“

Der Jahreswechsel hat seit jeher eine besondere Magie. Er verspricht einen Neuanfang, ein „Ab jetzt mache ich alles anders“.

In diesem Jahr begegnet mir dabei immer häufiger ein Begriff: „The Great Lock-In“.
Die Idee dahinter: Zum Jahresende sollen Routinen, Gewohnheiten und Ziele „festgezurrt“ werden als Vorbereitung auf ein möglichst erfolgreiches, diszipliniertes neues Jahr.

Was auf den ersten Blick nach Klarheit und Struktur klingt, erzeugt bei vielen Menschen jedoch etwas ganz anderes: Inneren Druck, Erschöpfung und das Gefühl, schon vor dem neuen Jahr nicht zu genügen.

Psychologisch betrachtet ist das Bedürfnis nach Abschluss völlig nachvollziehbar.
Unser Nervensystem sucht Ordnung, Orientierung und Vorhersehbarkeit, besonders in Übergangszeiten.

Problematisch wird es dann, wenn Abschluss nicht aus wirklicher Integration, sondern aus Kontrolle entsteht.

„The Great Lock-In“ kann suggerieren:

  • Jetzt musst du wissen, was du willst.
  • Jetzt musst du dich festlegen.
  • Jetzt darf nichts mehr offenbleiben.

Doch innere Prozesse funktionieren selten linear und emotionale Entwicklung lässt sich nicht „abschließen“ wie ein Projektplan.

Viele Menschen fühlen sich am Ende des Jahres müde, reizüberflutet und innerlich fragmentiert.
Statt diese Signale ernst zu nehmen, greift die Optimierungslogik:

Wenn ich mich besser strukturiere, werde ich mich auch besser fühlen.

Kurzfristig kann das Halt geben. Langfristig verstärkt es jedoch oft genau das, was eigentlich reguliert werden müsste:

  • Innere Unruhe
  • Selbstkritik
  • Angst, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen

Tatsächlich ist das kein Zeichen von Disziplinmangel, sondern von Überanpassung.

Es gibt einen feinen und entscheidenden Unterschied zwischen gesunder innerer Orientierung und innerer Verhärtung:

Orientierung bedeutet:

  • Ich nehme wahr, wo ich stehe.
  • Ich erkenne meine Bedürfnisse, Grenzen und Ressourcen an.
  • Ich lasse Entwicklung offen.

Verhärtung bedeutet:

  • Ich lege mich fest, um Unsicherheit nicht fühlen zu müssen.
  • Ich erzeuge Druck, um Kontrolle zu behalten.
  • Ich verwechsle Klarheit mit Strenge.


Und viele „Lock-In“-Impulse gehören zur zweiten Kategorie.

Deswegen habe ich ein paar Fragen zusammengestellt, die mir für einen heilsamen Jahresabschluss sinnvoll erscheinen:

  • Was hat mich dieses Jahr geprägt – auch emotional?
  • Wo habe ich mich angepasst, obwohl es mich Kraft gekostet hat?
  • Welche Erfahrungen wollen gewürdigt statt optimiert werden?

Integration bedeutet, das Erlebte mitzunehmen, statt es zu bewerten oder abzuschneiden.

Das Nervensystem beruhigt sich nicht durch perfekte Pläne, sondern durch Anerkennung dessen, was war.

Vielleicht braucht es zum Jahreswechsel keine Vorsätze.
Vielleicht braucht es auch kein „Lock-In“.
Vielleicht reicht eine leise innere Haltung:

„Ich darf offenlassen, was noch nicht reif ist und mir Zeit geben.“

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