Zugehörigkeit & Wachstum

Jedes Kind kommt mit zwei zentralen Erfahrungen auf die Welt:

Mit der Erfahrung, dass es verbunden war, mit der Mutter im Mutterleib und – diese ist genauso essentiell – mit der Erfahrung, dass es kontinuierlich gewachsen ist.

Diese beiden Erfahrungen sind so tief verankert, dass jedes Kind quasi erwartet, dass es immer so weitergeht, dass es mit anderen verbunden ist und gleichzeitig weiter wachsen darf.

Jeder Mensch kommt außerdem mit einem Gehirn zur Welt, das optimal für seinen Körper gemacht ist, mit allen inneren Repräsentanzen und Verschaltungen. Das Gehirn eines jeden Menschen weiß exzellent, was es zu tun hat, wenn etwas in „seinem“ Körper nicht richtig läuft, weil es sich anhand dieses Körpers herausgeformt hat.

Hier kommt nun der Aspekt der Verbundenheit ins Spiel. Man möchte (und muss) als Mensch in seinem Leben dazugehören, damit man nicht in größte Nöte gerät. Somit ist im Grunde jedes Kind bereit, alles zu tun, was in seiner Macht steht, wenn es nur dazu führt, dass es nicht allein gelassen wird. Und da sich das menschliche Gehirn nur in sozialen Gemeinschaften entwickeln kann, kann auch aus diesem Dilemma kein Kind entfliehen.

Wenn ein Kind aber nur dann angenommen wird und dazugehören darf, wenn es sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält, z.B. bestimmte Haltungen einnimmt, mit seinen Affekten auf eine bestimmte Weise umgeht, ist es gezwungen gewesen einen Teil seiner ursprünglichen Automatismen, mit denen der Körper wunderbar geregelt wird, zu unterdrücken.

Das führt dann bspw. dazu, dass bestimmte Affekte nicht mehr gezeigt werden, verkrampfte Haltungen entstehen, es wird nicht mehr umhergezappelt oder sich bewegt, weil die Eltern einem sonst die Liebe entziehen könnten. Es muss, überspitzt gesagt, so sein, wie alle anderen, weil es sonst nicht dazugehören darf.

Mit dem Ergebnis, dass es eine Erfahrung nach der anderen macht, die ihm eigentlich unendlich weh tut, nämlich dass es entweder das Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht stillen kann oder aber das Bedürfnis nach Wachstum, nach Freiheit, nach Autonomie nicht erfüllen kann.

Hirnforscher können mittlerweile zeigen, dass wenn ein Mensch aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen wird, wenn er nicht dazugehören darf, im Gehirn die gleichen Bereiche aktiviert werden, die aktiviert werden, wenn man geprügelt wird. Dieser Schmerz des Nichtdazugehörens ist also nicht trivial.

Dieses Wissen um die beiden zentralen Grundbedürfnisse hilft mir aus Therapeutinnen-Sicht oft dabei die tiefliegenden Beweggründe meiner Klient*innen besser nachvollziehen zu können und hier anzusetzen.

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